Süß und bitter
Es stand in der Zeit vom 17. Dezember 2009. Eine Zusammenfassung von Gunther Warnecke.
Die Deutschen verzehren pro Jahr und Kopf 11 Kilogramm Schokolade, damit liegen sie auf Platz eins in der Welt (*¹). Die meisten Verbraucher wissen aber nicht, unter welchen Bedingungen der größte Teil des hauptsächlich in Westafrika angebauten Kakaos produziert wird. Es gibt eine Schätzung der Organisation Anti - Slavery International, die besagt, dass in dem Staat Elfenbeinküste circa 200.000 Kinder im Kakaoanbau tätig sind. (*²) Die Schokoladenindustrie hat sich vor 10 Jahren verpflichtet, Missstände zu beseitigen, es gibt bisher aber lediglich einige Pilotprojekte. Greenpeace hat diese schlimmen Zustände bestätigt: Kinderarbeit mit Pestiziden und Macheten, schlechte Ernährung, schlechter Gesundheitszustand, schlechte Bezahlung.Der Weltmarktpreis wird nicht nur bestimmt von Angebot und Nachfrage, sondern auch vom Handel von Banken, Fonds und durch Zocker, die in letzter Zeit stark in Rohstoffe investieren. In diesem Jahr ist die Ernteprognose schlecht, weil viele Bäume einer Epidemie zum Opfer gefallen sind. Damit werden die Preise steigen, wovon wiederum die Produzenten nichts haben (*³). Sowohl der Kakaohandel als auch die Verarbeitung werden von wenigen großen Firmen kontrolliert. Den vielen Kleinbauern – 90 % des Kakaos werden von ihnen erzeugt – stehen also wenige mächtige Großunternehmen gegenüber.
Der Weltmarkt für Kakao ist geprägt von scharfer Konkurrenz und Korruption mit stark schwankenden und zu geringen Erlösen. Dazu kommen Missernten durch Pflanzenschädlinge, die den Einsatz von teuren und giftigen Pestiziden erforderlich machen. Der geringe Erlös wiederum führt dazu, dass billige Arbeitskräfte, also Kinder, eingesetzt werden müssen, darunter auch „gekaufte Kinder“. In Elfenbeinküste wurden die schlimmen Verhältnisse noch erheblich verschlechtert durch den bis 2007 dauernden Bürgerkrieg, der zum Teil über den Kakaohandel finanziert wurde. Die Verdienste der Bauern werden weiterhin geschmälert durch Zwischenhändler und Aufkäufer.
In den letzten 10 Jahren gab es ernsthafte Versuche, besonders in den USA, die schlimmsten Missstände zu beseitigen. Die Initiative ging von zwei US-Senatoren aus, Harkin und Engel, die sogar ein Importverbot vorsah. Es gelang Vertretern der Kakao- und Schokoladenindustrie, aus dem Gesetzentwurf eine Absichtserklärung zu machen, deren Realisierung inzwischen mehrfach aufgeschoben wurde, letzte Verzögerung bis 2011. Eine Zertifizierung der angestrebten Ziele lässt trotz Gründung einer Stiftung, der International Cocoa Intitiative, auf sich warten. Für die betroffenen Kinder hat sich bislang wenig geändert. Die Akteure in der Schokoladenindustrie sehen die Lage natürlich positiv: Mars berichtet, dass die Initiative große Fortschritte erzielt habe.
Inzwischen haben die Firmen Mars, Nestlé und Ritter eigene Projekte angeschoben, um die Verhältnisse in der Produktion zu verbessern. Der Erfolg dieser Bemühungen ist laut Aussage von Nichtregierungsorganisatoren aber kaum zu kontrollieren. Cadbury allerdings hat 45 Millionen Pfund investiert und arbeitet mit der Fairtrade Foundation zusammen. Auch die Initiative der Firma Ritter hat nach Angeben des Deutschen Entwicklungsdienstes in Nicaragua zu Verbesserungen der Anbaubedingungen geführt.
Eine permanente und wirksame Kontrolle gibt es nur bei Produkten, die fair gehandelt werden. Organisationen wie Transfair, GEPA und El Puente garantieren, dass Kakao ohne Kinderarbeit produziert wird. Die Bedingungen werden von unabhängigen Prüfern vor Ort kontrolliert (*4)Der Fairtrade - Preis liegt bei 1.600 Dollar pro Tonne Rohware plus 150 Dollar Fair Trade - Prämie, steigt der Weltmarktpreis darüber, wird entsprechend höher bezahlt. Trotz Zunahme der fair gehandelten Produkte, die inzwischen nicht nur in „Dritte Welt-Läden“ gehandelt werden, liegt der Anteil des fair gehandelten Kakaos bei nur 0,1 Prozent.
Anmerkungen:
*¹ Was nicht ganz stimmt, da die Schweizer es auf 12,4 Kilogramm pro Jahr bringen.
*² Zu der Zahl der beschäftigten Kinder gibt es unterschiedliche Angaben. Laut einer 2002 erstellten Studie über Kinderarbeit in Westafrika arbeiteten damals 850.000 Kinder im Kakaoanbau, davon 650.000 im Staat Elfenbeinküste. Mit der Machete - gefährlich und schwer – arbeiteten 284.000, davon 200.000 in Elfenbeinküste. 120.000 Kinder mussten giftige Pestizide ausbringen. In Elfenbeinküste wurden 12.000 Kinder gezählt, die nicht zur Familie des Bauern gehörten. Nur 36 Prozent gingen zur Schule.
*³ Ein Kakaobaum braucht 5 bis 6 Jahre, bevor geerntet werden kann, die optimale Ernte erzielt man erst nach 12 Jahren).
*4 Dazu gehört auch: Einhaltung demokratischer Regeln, keine Benachteiligung von Minderheiten, insbesondere von Frauen und Kindern, angemessene Bezahlung, keine gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, nachhaltiger Anbau, Vorfinanzierung der Ernte für bessere Planungssicherheit).
Quellen: Die Zeit Nr. 52 vom 17. Dezember
Kakaostudie Suedwind (Institut für Ökonomie und Ökumene)
Schokobroschüre der GEPA (The Fair Trade Company)
Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Daniel Rosenthal (www.danielrosenthal.de)

